Wie wollen wir aussehen? Wer bestimmt wie wir aussehen? Und wer bestimmt wie wir aussehen wollen?

Das Bild der anderen prägt und lenkt unser persönliches Leben, prägt und lenkt unser Leben in der Gesellschaft. Wir sehen, wie gepflegt der Garten in der Käsewerbung ist, wie idyllisch Oma und Opa mit den Enkeln spielen, wie glücklich alle sind. Und wollen auch so einen Garten und so eine glückliche Familie. Es geht dann schon nicht mal mehr um den Käse, der uns eigentlich verkauft werden soll, sondern vielmehr um das Bild einer Familie und eines Lebens, das als Prototyp für das perfekte Leben fungiert. Dabei spielt für uns selbst in diesem Moment auch keine Wertung eine Rolle. Wir fragen uns nicht: Finde ich dieses Leben aus der Werbung eigentlich erstrebenswert? Möchte ich überhaupt so leben? Primär geht es darum, dass uns vermittelt wird: Dieses Leben ist das normale. Nicht: Dieses Leben ist schön oder dieses Leben ist das einzig mögliche. Sondern: Dieses Leben führt der normale Mensch. Von der Norm abweichen, das geht, das darf man machen, aber man ist dann eben nicht mehr so wie die anderen, sondern hat auf einmal eine Schwelle übertreten und gehört zu denjenigen, die anders sind. Nicht einmal schlecht-anders, aber eben anders. Ob es eine bewusste Entscheidung des/der Einzelnen ist, das spielt dann keine Rolle mehr, Fakt ist, man führt ein Leben abseits des Durchschnitts.

Aber warum gibt es überhaupt diesen Durchschnitt, dieses Bild vom „normalen“ Leben? Nicht etwa weil die meisten Menschen in Deutschland ein glückliches Leben in einer glücklichen Familie in einem sauberen aufgeräumten Haus mit großem gepflegten Garten führen. Vielmehr hat man immer noch dieses Bild, weil es uns durch Werbung vermittelt wird. Uns wird gezeigt: So lebt eine normale Familie. Die sind glücklich. Und die lassen sich auch gerne mal ein Butterbrot mit Käse schmecken.

Genauso wie es mit diesem einen bestimmten Leben ist, das uns als das des „normalen“ Deutschen vorgegaukelt wird, ist es mit den Körpern. Obwohl niemand mehr öffentlich sagt: Frauen und Männer müssen soundso aussehen, damit sie schön sind, also angesehen werden. Wir leben in einer Zeit, in der solches Verhalten kritisiert wird, zumindest wenn es in der Öffentlichkeit stattfindet. Was jedoch hinter verschlossenen Türen passiert, das kann keiner wissen. Aber zumindest wird es derzeit nicht akzeptiert, wenn Menschen andere Menschen öffentlich auf ihr Aussehen reduzieren und dieses bewerten.

Das dachte ich zumindest bis ich mir Germany’s Next Topmodel angesehen habe. Denn diese Sendung besteht daraus, dass man halbnackte junge Mädchen sieht und eine Frau, die sie vor allen – vor ihren Konkurrentinnen und der gesamten Öffentlichkeit – bloßstellt und auf ihren Körper reduziert. Es geht dabei nicht mehr um Persönlichkeit, es geht lediglich um Körper. Was an sich ja nicht schlimm ist. Denn wir alle haben einen Körper; Körper, das ist kein Tabuthema. Aber vielleicht ist dieses Thema für viele zu sensibel, als dass man daran von der Seite heran geht, aus der Heidi Klum es betrachtet. Denn für sie zählt nur eins: Entspricht das Model den Körperidealen, die die Gesellschaft uns Frauen vorgibt? Wenn sie dies auch sagen würde, dann wäre ihre Show schlimm, aber aushaltbar. Das Unglaubliche daran ist, dass Heidi Klum fragt: Ist das Model schön? Sie spricht also allen Formen außerhalb der Norm, außerhalb des Prototyps jegliche Schönheit ab.

Dabei ist diese Frage viel zu komplex, als dass allein Heidi Klum sich an ihr abarbeiten und eine Antwort auf sie finden könnte, die der allgemeinen und nicht nur ihrer eigenen Meinung entspricht: Was ist Schönheit? Was ist Ästhetik? Und vor allem: Kann man diese Frage für alle gemeinsam klären oder muss nicht jeder und jede eine persönliche Antwort darauf finden?

Schon am Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten sich Künstler*innen an diesen Fragen ab. Sie komponierten Musik, die aus dissonanten Klängen bestand, folglich also nicht „schön“ war, sie schrieben Gedichte, bestehend aus Worten, die es nicht gab, und Sätzen, die nicht vollendet waren und die im damaligen Verständnis keinen Sinn ergaben und dafür sorgten, dass die Gedichte nicht als Kunst anerkannt wurden. Auch sie waren nicht dem Schönheitsbild der Zeit entsprechend. Auch in der Kunst versuchte man, neue Schönheitsformen zu erfinden: Bilder, die nicht mehr logisch aufgebaut waren und keinerlei Realität mehr entsprachen. Diese Epoche des Expressionismus, die in allen Kunstformen stattfand und erst mit dem Beginn des zweiten Weltkriegs wirklich beendet war, ist nun schon knapp hundert Jahre her. Trotzdem beschäftigen wir uns immer noch mit den gleichen Fragen: Was ist Schönheit? Wer definiert Schönheit und für wen? Ist die zur Norm deklarierte Schönheit auch wirklich die wahre Schönheit? Existiert die wahre Schönheit überhaupt?

Heidi Klum vermittelt uns: Ja, es gibt die Schönheit und ich zeige euch, welche Gestalt sie hat. Nämlich abgemagerte, junge, halbnackte Mädchen. Sie muss es noch nicht einmal sagen, sie muss nicht sagen: Das ist Schönheit. Wir wissen es in dem Moment, in dem am Ende jeder Staffel die Gewinnerin feststeht. Dann wissen wir, sie hat es geschafft, trotz der strengen Heidi, die wirklich an jeder Kandidatin etwas auszusetzen hat, sie hat es geschafft, am Ende die Schönste zu sein. Denn um etwas anderes geht es bei dieser Show nicht. Es geht nicht um Persönlichkeit, Intelligenz oder Teamgeist. Es geht darum, zu performen, gut auszusehen, in jeden noch so erdenklichen Situationen. Und darum, dass man sich auf sich selbst konzentriert, das Aussehen immerzu im Spiegel prüft und alle anderen Mädchen schlechter als sich selbst dastehen lässt.

Ist das eine Gesellschaft, in der wir leben wollen? Eine Gesellschaft, in der es nicht um Gemeinschaft und Solidarität geht, sondern nur um uns allein?

Bei Heidi Klum gewinnt diejenige am Ende – in der Show und im Leben, wie uns vermittelt wird – die am besten aussieht. Dabei sollten wir, Menschen des hochmodernen 21. Jahrhunderts, doch längst wissen, dass es die gar nicht gibt, dass es niemanden gibt, der wirklich schön ist und das für alle. Das es immer nur diejenigen gibt, die am meisten der Norm entsprechen oder als Schönste von jemand anderem nach dessen persönlichem Geschmack definiert werden.

Heidi Klum und ihrer Show Germany’s Next Topmodel nun die alleinige Schuld an einer Gesellschaft geben zu wollen, in der Menschen nur nach sich und ihrem Aussehen schauen und auch andere nach diesen Maßstäben zu werten versuchen, wäre überzogen. Aber sie trägt den Grundsatz der einzigen Schönheit weiter. Bei ihr gibt es nur die eine Schönheit, die Schönheit, die vielleicht gar nicht alle als ihre persönliche definieren würden, hätten sie beim Erfinden und Erkunden einer neuen Schönheit nur nicht schon von Anfang an das Gefühl, sie weichen so von der Norm ab. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der es als Optimalfall gilt, wenn man zur Norm gehört. Und wir bekommen mitgegeben, dass wir das wollen. Denn die Norm ist schön. Die Norm ist Idylle. Denn wer würde schon nach ihr streben, wenn wir dächten, sie sei schrecklich.

Dabei gibt es in Wirklichkeit auch die eine Norm nicht, wie es auch die eine Schönheit nicht gibt. Und dass es immer noch Menschen gibt, die wirklich denken, man kann Schönheit definieren, man kann Menschen nach Schönheitsidealen charakterisieren, das zeigt doch eigentlich nur, in welch rückschrittiger Gesellschaft wir noch immer leben.

Schönheit kann viele Formen annehmen! Also lasst uns in unserer Gesellschaft nach Individualität und Vielfalt suchen und diese Vielfalt als die neue Schönheit deklarieren!